KMU: Widerspruch Innovation

  • In vielen KMUs gibt es einen Widerspruch zwischen der Innovationsbreitschaft und der praktischen Umsetzung
  • Obwohl die Schweiz immer wieder die ersten Plätze in Innovations-Rankings belegt, so nimmt die Innovationsbereitschaft in KMUs eher ab.
  • Fehlende Ressourcen wird als Hauptgrund genannt, warum KMUs wenig Innovation betreiben. In der Realität sind es oft unterliegende Gründe, für welche es durchaus Lösungsansätze gibt.

Regelmässig werden Studien und Rankings publiziert, in welchen die Schweiz als «Innovationsweltmeister» betitelt wird. Wie bereits vor einigen Jahren kommentiert, sieht die Realität in der Schweizer KMU Landschaft jedoch weniger rosig aus, wie wir bereits vor einigen Jahren kommentiert haben:

https://www.upspin.ch/blog/innovations-weltmeister-schweiz

Sowohl aus unseren eigenen Erfahrungen wie auch aus Untersuchungen wissen wir, dass die Investitionen in Eigenentwicklungen bei Schweizer KMUs seit Jahren rückläufig sind. Insbesondere die Corona-Krise hat die Investitionsbereitschaft zusätzlich gebremst. Gemäss der Untersuchung der Berner Fachhochschule (bfh) zur Corona-Krise gilt für KMUs: «Die Innovationstätigkeit der Unternehmen ist bis zu 90 Prozent eingebrochen.»

Wenn wir mit Geschäftsleitung und Besitzer von KMUs sprechen, so ist allen bewusst, dass für das langfristige Überleben Innovation zentral ist. Wie effektiv das Thema Innovation angegangen wird und welche Möglichkeiten zur Verfügung stehen, ist jedoch zwischen den Unternehmen sehr unterschiedlich. In vielen Unternehmen gibt es einen Widerspruch zwischen dem Bewusstsein, dass Innovation überlebenswichtig ist und in der praktischen Umsetzung.

Wenn die Wichtigkeit von Innovation der Geschäftsleitung bewusst ist, warum wird dann nicht mehr innoviert?

Das Problem ist nicht nur bei KMUs bekannt. Bereits vor über 10 Jahren hat McKinsey in einer Befragung von internationalen Grossunternehmen ähnliche Schwierigkeiten aufgezeigt.

Bei Grossunternehmen liegt es vor allem am kurzfristige Planungshorizont und der fehlenden Innovationskultur. Bei KMUs kommt als wichtigster Faktor fehlende Ressourcen hinzu.

Zu diesem Schluss kommt sowohl die obenerwähnte Untersuchung der bfh, wie auch der Bericht zur Forschung und Innovation in der Schweiz 2020 des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation SBFI.

SBFI-Bericht: Wissens- und Technologietransfer zwischen den Hochschulen und Unternehmen

Es wurde u.a. der Wissens- und Technologietransfer (WTT) zwischen den Hochschulen und rund 6000 Schweizer Unternehmen untersucht. Daran nahmen Hochschulen und Unternehmen teil, die sich bereits im WTT engagieren und auch solche, die es aktuell nicht tun. Der WTT kann verschiedenste Formen annehmen: Informelle Kontakte, Praktika von Studenten, gemeinsame Publikationen, Forschungsverträge, Innosuisse Projekte, etc.

Unternehmen versprechen sich davon:

  • Ihr eigenes Know-How mit den spezifischen Fähigkeiten der universitären Partner zu ergänzen
  • die Absolventen als zukünftige Mitarbeitende zu gewinnen
  • die eigenen Mitarbeitenden weiterzubilden
  • die gemeinsamen Forschungsergebnisse zur Entwicklung neuer Prozesse und Produkte einzusetzen.

Zwei Resultate der Studie scheinen hier besonders relevant:

  1. Fehlende Ressourcen bilden ein Hemmnis für den WTT
    1. Hochschulen und Unternehmen, die sich im WTT engagieren, sind sich beide einig, dass mangelnde (Zeit-)Ressourcen auf Seite der Unternehmen eines der wichtigsten Hemmnisse ist.
    2. Unternehmen, die sich im WTT engagieren, geben zusätzlich an, dass auch die Verfügbarkeit der eignen finanziellen Mittel die Zusammenarbeit erschwert.
    3. Unternehmen, die kein WTT mit Hochschulen betreiben, geben fehlende zeitliche Ressourcen als wichtigsten Grund dafür an, dass sie sich nicht mit Hochschulen WTT betreiben. Aber auch hier sind fehlende finanzielle Eigenmittel ein weiteres Hemmnis.
  2. WTT geht mit dem Erfolg der Unternehmen einher
    WTT von Unternehmen korreliert bei Unternehmen mit höherem kommerziellem Erfolg der Innovationen und einer gestärkten Wettbewerbsfähigkeit, sofern das Unternehmen seinerseits auch F&E-Investitionen tätigt, um die WTT Ergebnisse auch kommerziell umzusetzen(!).

KMUs sind laut der Studie besonders von fehlenden internen Voraussetzungen für WTT betroffen.

Das Fehlen von Zeit und Geld in den Unternehmen scheint den Innovationserfolg zu behindern.

Was bedeutet “fehlende Ressourcen”?

Wenn wir genauer hinschauen, so sind es oft nicht wirklich fehlende Ressourcen, sondern unterliegende Probleme, wie fehlende Strukturen und falsche Prioritäten. Wir haben u.a. folgende Gründe für die Diskrepanz festgestellt:

  • Keine oder nur wenige dedizierte Innovationsressourcen: In KMUs haben Mitarbeitende oft neben ihrem Hauptjob zusätzlich einen Innovationsauftrag. Die Auslastung mit dem Hauptjob ist jedoch meist so gross, dass der Innovationsauftrag vernachlässigt wird.
  • Ein verwandter Punkt betrifft Entscheidungen: Wenn das dringende Tagesgeschäft mit wichtiger Innovation konkurrenziert, wird fast immer zugunsten von «dringend» priorisiert.
  • Fehlender Mut funktionierende Geschäftsmodelle zu ändern oder bestehende eigene Produkte zu kannibalisieren. Mit fehlenden Ressourcen lässt sich gut begründen, Innovation aufzuschieben, anstatt sich der Herausforderung zu stellen und aktiv nach Lösungen zu suchen.
  • In KMUs haben Geschäftsleitungsmitglieder oft Doppelrollen. Die Verantwortung für Innovation ist zwar klar zugewiesen, aber dasselbe Geschäftsleitungsmitglied hat auch eine andere essenzielle Aufgabe wie Verkauf, Marketing oder Geschäftsführung. Die Gefahr ist gross, dass die verschiedenen Aufgaben sich zum Teil widersprechende Ziele haben und deshalb eines benachteiligt wird.
  • Je kleiner die Unternehmen, desto eher sind es tatsächlich die limitierten finanziellen und personellen Ressourcen, welche die Möglichkeiten zur Innovation einschränken.

Sicherlich gibt es auch unter den KMUs grosse Unterschiede. So durften wir auch einige Unternehmen kennenlernen, welche die Prioritäten bezüglich Innovation sehr gut im Griff haben. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn Besitzer und Geschäftsleitung gut abgestimmt sind und Innovation in der «DNA» des Unternehmens ist. Das heisst, das ganz bewusst nicht nur bei Produkten und Dienstleistungen innoviert wird, sondern regelmässig auch neue Prozesse, Organisationsformen und Geschäftsmodelle getestet und implementiert werden.

Was ist zu tun?

Die meisten Probleme aus dem vorherigen Abschnitt fallen in die Kategorien Priorisierung oder fehlende Strukturen. Die Verantwortung liegt klar bei der Geschäftsleitung. Mit den folgenden Vorschlägen können Sie den Herausforderungen aktiv begegnen:

  • Konkrete Massnahmen ergreifen, welche dem Widerspruch «dringende Tagesaktualitäten» (wie z.B. Verkaufszahlen für das nächste Quartal) versus Innovationspriorität entgegenwirken. z.B. mit aktivem Tracking oder bewusstem Verzicht von kurzfristigen Zielen zu Gunsten des langfristigen Erfolgs.
  • Dedizierte Personen in der Geschäftsleitung und unter den Mitarbeitenden für Innovation bestimmen. Diese werden mit festem finanziellem Budget und verfügbare Innovationszeiten ausgestattet, welche «nichtverhandelbar» sind. Was meist nicht funktioniert, ist die Innovations-Verantwortung als zusätzliche Aufgabe («Zückerchen») zu verteilen.
  • Innovations-«Impfung» für die gesamte Geschäftsleitung. D.h. zum Beispiel Innovation nicht nur bei Bedarf thematisieren, sondern regelmässig in monatlichen Meetings besprechen und mit Hilfe von einem klaren Prozess sicherstellen, dass Innovation fest in die Strategie integriert wird.
  • Innovation im Unternehmen ist ein Muskel, welcher trainiert werden muss. D.h. gelegentlich lohnt es sich Veränderungen vorzunehmen und Neues zu probieren, selbst wenn der unmittelbare Gewinn nicht offensichtlich ist. So bleiben alle Mitarbeitenden aktiv und sind sich Veränderungen gewöhnt, respektive suchen selbst kontinuierlich nach Verbesserungsmöglichkeiten.
  • Aktiv und regelmässig Innovationen ausserhalb von Produkten und Dienstleistungen verfolgen (Prozesse, Organisation, Marketing, Geschäftsmodelle, Verkaufskanäle, …)
  • Ein eigenes Tochterunternehmen für das Innovationsvorhaben gründen.

Zusätzliche wäre es wünschenswert, dass neue Förder- und Unterstützungsmassnahmen durch staatliche Einrichtungen geschaffen werden, welche vor allem die kleineren KMUs unterstützten. Die bekannten Modelle, wie z.B. von Innosuisse, bei welchen der Industriepartner signifikante Ressourcen beisteuern muss, überfordern die kleineren KMUs häufig. Es gibt Beispiele aus den USA und dem EU-Raum, bei welchen Innovationsgelder und -Unterstützung in einem kompetitiven Verfahren beantragt werden können, welche nicht an zusätzliche Verpflichtungen gebunden sind.

Viele Schweizer Unternehmen stehen aktuell im internationalen Vergleich bezüglich Innovation sicher noch immer gut da. Aber mit den beschleunigenden Veränderungen im technologischen Fortschritt und der zunehmenden globalen Konkurrenz wird der Druck auf die KMUs weiter erhöht. Wir hoffen, dass rechtzeitig ein Umdenken stattfindet und sowohl von öffentlicher Seite wie auch innerhalb der Unternehmen das Thema noch aktiver angegangen wird.

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